Webentwicklung
Relaunch: Woran Website-Projekte im Mittelstand scheitern
Meist nicht an der Technik, sondern an Zuständigkeiten und Inhalten. Die vier Klassiker und was Googles eigene Umzugsanleitung dazu sagt.
· 4 Minuten Lesezeit · von Alpha Digitalagentur GmbH
Wenn ein Relaunch aus dem Ruder läuft, liegt es selten am Content-Management-System. Vier Muster sehen wir immer wieder, und alle vier haben mit Organisation zu tun, nicht mit Technik.
1. Niemand ist wirklich zuständig
Ein Projekt braucht eine Person, die entscheiden darf, nicht einen Lenkungskreis, der berät. Diese Person muss drei Dinge dürfen: Inhalte freigeben, Termine verschieben und Wünsche ablehnen.
Ein einfacher Test: Fragen Sie, wer den Livegang absagen kann. Fällt kein Name, fehlt die Rolle.
2. Die Inhalte fehlen
Design und Technik sind nach acht Wochen fertig, die Texte nach acht Monaten. Planen Sie Inhalte zuerst. Prüfen Sie dabei jede geplante Seite mit einer einzigen Frage: Welche Aufgabe löst sie für welchen Besucher? Seiten ohne Antwort darauf bewertet auch Google schlecht, das steht so in den Search Quality Rater Guidelines, dem Handbuch für Googles eigene Suchprüfer. Zwei Dinge helfen mehr als jedes Werkzeug:
- Eine Bestandsaufnahme aller vorhandenen Seiten, mit Aufrufen, Rankings und einer Entscheidung je Zeile: behalten, zusammenlegen, streichen. Die Erfahrung zeigt, dass ein Drittel bis die Hälfte der Seiten wegfällt.
- Ein hausinterner Schreibstandard, damit die Texte aus fünf Abteilungen nach einer Website klingen. Eine Seite genügt: Anrede, Satzlänge, Umgang mit Fachbegriffen, sprechende Linktexte statt „hier klicken", und eine Liste der Wörter, die nicht vorkommen sollen.
3. Alte Adressen werden vergessen
Ohne Weiterleitungen verlieren Sie beim Umzug die Rankings, die Sie sich jahrelang erarbeitet haben. Google beschreibt das Vorgehen in einer eigenen Anleitung für Umzüge mit Adressänderung. Der Kern in vier Schritten:
- Eine vollständige Zuordnungstabelle von jeder alten auf jede neue Adresse erstellen. Jede alte Adresse braucht ein Ziel, das inhaltlich passt. Die Startseite ist kein Ziel, sondern eine Kapitulation.
- Serverseitige, dauerhafte Weiterleitungen einrichten. Google empfiehlt ausdrücklich permanente Weiterleitungen auf dem Server, also Statuscode 301 oder 308, statt Umleitungen im Browser.
- Neue Sitemap einreichen und die alte vorübergehend erreichbar lassen, damit Google die alten Adressen zügig erneut abruft.
- Nach dem Umzug in der Search Console beobachten, welche Adressen Fehler liefern, und nachbessern.
Wichtig für die Erwartungshaltung: Google weist selbst darauf hin, dass es beim Umzug vorübergehend zu Schwankungen kommt und dass mittelgroße Websites einige Wochen brauchen, bis der Großteil der Seiten im Index umgezogen ist. Wer nach zehn Tagen die Nerven verliert und die Weiterleitungen wieder anfasst, verlängert genau diese Phase.
4. Nach dem Livegang passiert nichts mehr
Eine Website ist kein Projekt mit Enddatum. Ohne Pflege ist der Vorsprung nach zwei Jahren wieder weg. Planen Sie ein festes Budget für die ersten zwölf Monate nach dem Start ein, nicht nur für die Umsetzung davor.
Ein Blick in den Google-Leak
Im März 2024 gelangte interne Dokumentation der Google Content Warehouse API versehentlich an die Öffentlichkeit. Google hat die Echtheit bestätigt und zugleich davor gewarnt, aus zusammenhanglosen, veralteten oder unvollständigen Angaben Schlüsse zu ziehen. Vier Feldnamen erklären trotzdem gut, warum die Punkte oben so wichtig sind:
siteAuthority, ein Wert auf Ebene der gesamten Domain. Er ist ein Argument dafür, beim Relaunch die Domain zu behalten und nicht ohne Not zu wechseln.- NavBoost mit
goodClicksundbadClicks. Nutzungsdaten hängen an Adressen. Wer Adressen ohne Weiterleitung wegwirft, wirft diese Historie mit weg. hostAge, laut Dokumentation dazu gedacht, frische Adressen zunächst zurückzuhalten. Auch das spricht gegen einen Domainwechsel ohne zwingenden Grund.bylineDate,semanticDateundlastSignificantUpdate, also mehrere gespeicherte Datumsangaben zu einem Dokument. Ein Relaunch, der alle Beiträge auf das Startdatum zurücksetzt, verschenkt Information. Behalten Sie die ursprünglichen Veröffentlichungsdaten und weisen Sie Aktualisierungen getrennt aus.
Eine Reihenfolge, die sich bewährt hat
- Zuständigkeit klären und schriftlich festhalten.
- Bestandsaufnahme aller Seiten inklusive Entscheidung je Zeile.
- Zielstruktur und Zuordnungstabelle der Adressen, bevor gestaltet wird.
- Inhalte schreiben und freigeben, erst danach in die Umsetzung geben.
- Livegang mit Weiterleitungen, neuer Sitemap und Kontrolle in der Search Console.
- Zwölf Monate Pflege einplanen und budgetieren.